Markenlexikon

Westinghouse

USA

Obwohl der amerikanische Ingenieur George Westinghouse (1846 – 1914) mit insgesamt 361 Patenten zu den großen amerikanischen Erfindern zählt, ist er nie so berühmt geworden wie etwa Thomas Alva Edison oder Henry Ford. Das lag sicher auch daran, dass seine Entwicklungen weit weniger spektakulär waren, als die Glühbirne und das Volksauto Tin Lizzy. Westinghouse' wichtigste Erfindung war 1868 die Luftdruckbremse für Lokomotiven, die das Reisen mit der Eisenbahn wesentlich sicherer machte. Von den über 60 Firmen, die George Westinghouse im Laufe seines Lebens ins Leben rief, ist die 1886 in Pittsburgh/Pennsylvania gegründete Westinghouse Electric Company neben Wabco (Westinghouse Air Brake Company, Wilmerding/Pennsylvania), einem 1869 gegründeten Hersteller von Bremssystemen für Eisenbahnen und Lastwagen, die bekannteste. 1895 baute Westinghouse Electric an den Niagara-Fällen das erste Wasserkraftwerk der Welt, das die Stadt Buffalo mit Strom versorgte.

Nach finanziellen Schwierigkeiten verlor George Westinghouse jedoch die Kontrolle über sein Unternehmen, das bald in allen Sparten der Elektrotechnik tätig wurde. Mit der Übernahme der Copeman Electric Stove Company stieg Westinghouse 1914 in das Geschäft mit elektrischen Haushaltsgeräten ein. 1919 war Westinghouse neben General Electric an der Gründung der Radio Corporation of America (RCA) beteiligt und 1920 eröffnete der Konzern unter dem Rufzeichen KDKA in Pittsburgh die erste Radiostation der Welt, um den Verkauf der eigenen Radiogeräte zu fördern. 1928 wurde die Westinghouse Electric Elevator Company (Aufzüge) ins Leben gerufen. Westinghouse Electric entwickelte 1953 den Antrieb des ersten Atom-U-Bootes der Welt (USS-Nautilus), baute 1960 die Generatoren für den Niagara-Fall-Staudamm und installierte 1972 die Aufzüge in den Sears-Towers in Chicago, den damals höchsten Gebäuden der Welt.

Die Radiostationen entwickelten sich jedoch zum lukrativsten Zweig, sodass sich der Konzern nach und nach von vielen seiner ursprünglichen Kernaktivitäten trennte. Die Hausgeräteabteilung wurde 1975 an White Consolidated Industries verkauft (die Marke White-Westinghouse gehört heute zu Electrolux), das europäische Aufzugsgeschäft im gleichen Jahr an Kone (Finnland), die Glühlampenabteilung 1983 an Philips (Niederlande) und das nordamerikanische Aufzug- und Fahrtreppengeschäft 1989 an Schindler (Schweiz).

Die 1858 von Thomas Howard White (1836 – 1914) in Templeton/Massachusetts (ab 1866 Cleveland/Ohio) gegründete White Sewing Machine Company produzierte anfangs hauptsächlich Nähmaschinen, zeitweise aber auch diverse andere Produkte wie Fahrräder oder Kerosinlampen. Rollin Henry White, der Sohn von Thomas White, gründete 1906 in Cleveland die White Motor Company, die sich später zu einem führenden US-Hersteller von schweren Nutzfahrzeugen entwickelte und heute zu Volvo gehört. White Consolidated Industries Inc. (ab 1964 unter diesem Namen) stieg bis in die 1970 Jahre zum drittgrößten US-Hausgerätehersteller auf (nach General Electric und Whirlpool), eine Entwicklung, die vor allem durch zahlreiche Übernahmen zustande kam (1967 Hupp/Gibson, Franklin, 1968 Kelvintor, 1975 Westinghouse, 1979 Frigidaire, 1979 Philco, 1980 die American Tool). 1986 wurde White Consolidated Industries von Electrolux übernommen und 1991 in Frigidaire Company umbenannt.

Nach dem Zusammenschluss mit dem TV- und Radio-Network CBS (1995) verkaufte die CBS Corporation schließlich alle noch übriggebliebenen Geschäftsfelder, die nichts mit dem Rundfunkgeschäft zu tun hatten: 1996 den Bereich Verteidigungselektronik (an Northrop-Grumman), 1997 die konventionelle Kraftwerkssparte (an Siemens) und 1999 den Rest von Westinghouse Electric (Hochdruckreaktoren für Atomkraftwerke) inkl. der Westinghouse-Namensrechte an den britischen Staatskonzern British Nuclear Fuels (BNFL). 2000 erwarb BNFL/Westinghouse Electric das Kraftwerksgeschäft von ABB (Schweiz).

2006 wurde Westinghouse Electric mehrheitlich (77 Prozent) vom japanischen Elektrokonzern Toshiba (Aufzüge, Computer, Halbleiter, Siedewasserreaktoren, Unterhaltungselektronik) übernommen. Die restlichen Anteile gehören The Shaw Group (20 Prozent) und Ishikawajima-Harima Heavy Industries (3 Prozent). 2007 verkaufte Toshiba 10 Prozent der Westinghouse-Anteile an den staatlichen Uran-Produzenten Kazatomprom aus Kasachstan. Die Westinghouse Electric Company (Cranberry Township/Pennsylvania) hat diverse Lizenzen an veschiedene Hersteller vergeben, die unter der Marke Westinghouse Produkte wie LCD-Fernsehgeräte, Heiz- und Kühltechnik, Solargeräte oder Lichttechnik verkaufen.

Nachdem Verzögerungen und Kostenüberschreitungen beim Bau zweier Atomkraftwerke in den USA (Alvin W. Vogtle Electric Generating Plant – Burke County/Georgia, Virgil C. Summer Nuclear Power Station – Fairfield County/South Carolina) Toshiba an den Rand des finanziellen Ruins gebracht hatten, musste Westinghouse Electric im April 2017 Gläubigerschutz beantragen.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:55