Markenlexikon

Steyr

Österreich

Die 1864 von Josef Werndl (1831 – 1889) und seinem Bruder Franz (1833 – 1907) in Steyr gegründete Firma Josef & Franz Werndl & Comp., Waffenfabrik und Sägemühle (ab 1869 Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft Steyr, ab 1926 Steyr Werke AG) war zu Beginn des 1. Weltkriegs der größte Waffenhersteller Europas. Und wie Krupp in Deutschland belieferte Steyr Freund und Feind mit Gewehren, Kanonen und anderem Kriegsgerät. Nach dem Ende des Krieges stand Österreich jedoch auf der Verliererseite und durfte keine Waffen mehr herstellen. Die Steyr-Werke mussten sich nach anderen Betätigungsfeldern umsehen. Da die Waffenschmiede nebenher Fahrräder (1927 hatte Steyr die Styria-Dürkopp-Werke übernommen) und Traktoren (seit 1915) baute und bereits Erfahrung mit Flugmotoren hatte, war der Eintritt in die Automobilbranche ein logischer Schritt. 1920 kamen die ersten Lastwagen und Pkw auf den Markt.

1929 ging Ferdinand Porsche – zuvor Chefkonstrukteur von Daimler-Benz – zu Steyr, ohne jedoch dort große Spuren zu hinterlassen. Als Steyr und Austro-Daimler-Puch ihre Fahrzeugfertigung 1930 aufgrund der Weltwirtschaftskrise zusammenschlossen, was eine Reduzierung des Modellprogramms zur Folge hatte, verließ Porsche die Firma wieder, um in Stuttgart ein eigenes Konstruktionsbüro zu gründen. In den 1930er Jahren nahm die Steyr-Daimler-Puch AG (Fusion 1935) auch die Waffenproduktion wieder auf – zunächst als Tochtergesellschaft des deutschen Waffenkonzerns Rheinmetall – und nachdem die Deutschen 1938 in Österreich eingefallen waren, als Teil der Herrmann-Göring-Werke.

1945 wiederholte sich die Geschichte noch einmal: Fahrräder, Motorräder, dann Pkw und Lastwagen und ab 1950 wieder Waffen. Im Vordergrund standen nun allerdings Lastwagen, Busse und Geländefahrzeuge, die in viele Länder der Welt exportiert werden, u.a. die Geländewagen Steyr-Puch Haflinger (1959 – 1974), Steyr-Puch Pinzgauer (seit 1971) und Puch/Mercedes G, der gemeinsam mit Daimler-Benz entwickelt und seit 1979 bei Puch in Graz gebaut wird. Bei den Pkw beschränkte man sich auf Fiat-Nachbauten (1957 – 1974 Steyr-Puch 500/650/700, 1973 – 1975 Steyr-Puch 126).

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1959 übernahm Steyr-Daimler-Puch die Österreichische Saurerwerke AG (Wien-Simmering), die Lastwagen, Schützenpanzer und Omnibusse nach Lizenzen der Schweizer Saurer AG produzierte. Nach der vollständigen Eingliederung in die Steyr-Daimler-Puch AG 1970 firmierte dieser Bereich als Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeuge GmbH. Die Produktion in Wien wurde zu dieser Zeit eingestellt.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann die schrittweise Auflösung der Steyr-Daimler-Puch AG. Die Fahrrad- und Motorradproduktion (Puch) wurde 1987 an die italienische Firma Piaggio (Vespa) verkauft, die Steyr-Wälzlager GmbH 1988 an SKF, die Steyr Nutzfahrzeuge AG (Steyr) ging 1990 in den Besitz der MAN Nutzfahrzeuge AG über und die Steyr Bus GmbH wurde zwischen 1990 und 1996 von der Volvo Bus Corporation gekauft, die die Bus-Produktion in Österreich 1999 einstellte. Die Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeug GmbH (Schützenpanzer) und die Steyr Mannlicher GmbH (Handfeuerwaffen) wandelte man 1991 in selbstständige Aktiengesellschaften um. Die Case Corporation (seit 1999 CNH Case-New Holland) übernahm 1996 die Steyr Landmaschinentechnik GmbH (St. Valentin).

1992 errichteten Chrysler und Steyr-Daimler-Puch in Graz-Liebenau ein neues Autowerk (Eurostar), an dem beide Partner je 50 Prozent der Anteile hielten. In dem Werk wurden die Chrysler-Modelle Voyager, Grand Voyager und PT Cruiser gefertigt.

Der kanadische Fahrzeugzulieferer Magna International (Aurora/Ontario), den der aus der Steiermark stammende Frank Stronach 1957 gegründet hatte, übernahm 1998 die Steyr-Daimler-Puch Fahrzeugtechnik GmbH Graz (Fahrzeugteile und Fahrzeuge für Fremdfirmen) und 2002 auch das Eurostar-Werk in Graz-Liebenau. Magna-Steyr produzierte Fahrzeuge wie Aston Martin Rapide (2009 – 2012), Audi V8L (1990 – 1994), BMW X3 (2003 – 2010), Chrysler Voyager (2001 – 2007), Chrysler 300 C (2005 – 2010), Jeep Commander (2006 – 2010), Jeep Grand Cherokee (1994 – 2010), Mercedes-Benz E-Klasse Allradmodelle (1996 – 2006), Mercedes-Benz M-Klasse (1999 – 2002), Mila (Konzeptfahrzeuge von Magna), Mini Countryman (seit 2010), Mini Paceman (seit 2012), Peugeot RCZ (2010 – 2015), Puch/Mercedes G (seit 1979), Saab Cabriolet 9-3 (2003 – 2009), VW Golf Country (1990 – 1991) und VW Transporter T3 4x4 (1984 – 1992).

Die Produktion des Pinzgauer übergab die SDP Fahrzeugtechnik GmbH im Jahr 2000 an die britische Firma ATL (Automative Technik Ltd.); seit 2008 wird das Fahrzeug von BAe Land Systems OMC (vorm. Olifant Manufacturing Co.) in Benoni/Südafrika produziert. Die Steyr Spezialfahrzeuge AG (Pandur Schützenpanzer) wurde 2003 von General Dynamics (USA) übernommen.

Das Markenzeichen Steyr wird heute noch für Traktoren (CNH Industrial) und Handfeuerwaffen (Steyr Mannlicher Kleinraming) verwendet. Die Steyr-Traktoren kommen aus dem CNH-Werk St. Valentin zwischen Steyr und Linz. Im Werk Steyr baut MAN leichte und mittlere Lkw. Bei Magna-Steyr ist Steyr nur noch Teil des Firmennamens.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

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Letzte Änderung der Seite: 04.06.2018 | 23:10