Markenlexikon

Pilsner Urquell

Tschechien

Bier wird in der westböhmischen Stadt Pilsen (Plzen) bereits seit ihrer Gründung 1295 gebraut – damals vergab König Wenzel II. die ersten Bierbrau-Lizenzen. Das obergärige dunkle Bier war allerdings so schlecht, dass sich 1839 rund zweihundert Bürger der Stadt, die das Braurecht besaßen, dazu entschlossen, einen Neuanfang zu wagen. Sie gründeten die Vereinigung Mestansky Pivovar (Bürgerbräu) und holten den bayerischen Braumeister Joseph Groll (1813 – 1887) aus Vilshofen nach Pilsen. In Bayern mit seinen langen und kalten Wintern wurde schon seit dem 15. Jahrhundert untergäriges Lagerbier gebraut, was daran lag, dass untergärige Hefe sehr niedrige Temperaturen benötigt (zwischen 4 und 9 Grad). Bayerisches Lagerbier war damals auch außerhalb Bayerns recht beliebt, allerdings konnte es bis zur Erfindung der Kühlmaschine durch Carl von Linde (1876) nur dort gebraut werden, wo es natürliche Kühlmöglichkeiten gab. Die klimatischen Verhältnisse in Böhmen war ähnlich wie im benachbarten Bayern, sodass man auch dort das für den Brauvorgang notwendige Eis ganzjährig einlagern konnte.

Am 5. Oktober 1842 braute Groll ein untergäriges, helles Lagerbier, das bald zum Vorbild für alle anderen hellen Biere in Mitteleuropa wurde. Ausschlaggebend für den charakteristischen Hopfengeschmack und die goldgelbe Farbe dieses Bieres waren vor allem das weiche und alkalische Wasser aus dem Pilsener Umland, der Saazer Hopfen (Saaz = Žatec) und ein nur leicht geröstetes, sehr helles Gerstenmalz. Am 11. November 1842 wurde das neue Bier erstmals in den drei Pilsener Gasthöfen Zum Goldenen Adler, Zur weißen Rose und Hanes öffentlich ausgeschenkt. Groll – den man in Pilsen den ungehobelsten Bayer Bayerns nannte – kehrte nach dem Auslaufen seines Vertrages 1845 nach Vilshofen zurück, wo er die Brauerei seines Vaters übernahm. Im Oktober 1887 verstarb er 74-jährig beim Biertrinken in seiner Stammkneippe Wolferstetter Keller.

Schon kurze Zeit später tauchten überall in Mitteleuropa Biere mit den Bezeichnungen »Pilsener« oder »Pilsner« auf, die weder etwas mit der Pilsener Brauerei zu tun hatten, noch in dieser Stadt beheimatet waren. Vor allem in Berlin wurde das Pilsner Bier in den 1870er Jahren zum Modegetränk. Um sich von der Konkurrenz abzugrenzen, ließ sich der deutsche Bürgerbräu-Importeur Campenhaus aus Berlin 1898 schließlich den Markennamen Pilsner Urquell (Plzensky Pazdroj) einfallen. Die Verwendung der Bezeichnung »Pils(e)ner» durch andere Brauereien war allerdings auch gerichtlich nicht zu verhindern. Mehrere Pilsener Brauereien klagten 1909 gegen die Bitburger Brauerei und deren Marke Original Simonbräu Deutsch Pilsener. 1913 wurde die Klage vom Reichsgericht in Leipzig abgewiesen. Fortan war »Pilsener« keine Herkunftsbezeichnung mehr, sondern nur noch eine Sortenbezeichnung. Allerdings musste auf den Etiketten der Bierflaschen die deutsche Herkunft klar zu erkennen sein, damit es zu keiner Verwechslung mit dem originalen Bier aus Pilsen kam. Viele Brauereien führten zu dieser Zeit auch die verkürzte Form »Pils« ein. Möglicherweise geht der Begriff »Pilsener« auf das narkotisch wirkende Bilsenkraut zurück, das dem Bier bis ins 16. Jahrhundert zugesetzt wurde.

1999 wurde die Brauerei von der südafrikanischen Getränkegruppe South African Breweries (seit 2002 SAB-Miller) übernommen. SAB, 1895 von dem Schweden Jacob Letterstedt in Johannesburg gegründet, stellt seit 1898 Afrikas meistverkauftes Bier her (Castle Lager). Infolge der Fusion von AB-InBev (Beck's, Brahma, Bud, Budweiser, Skol, Stella Artois) und SABMiller (Castle Lager, Miller) wurde die Pilsner-Urquell-Brauerei 2016 an den japanischen Braukonzern Asahi Breweries (Asahi Biru Kabushiki Gaisha) verkauft. Seit 2004 wird Pilsner Urquell auch in einer Brauerei in Tychy (Polen) gebraut, außerdem von verschiedenen Lizenzpartnern des SABMiller-Konzerns.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:53