Markenlexikon

Nokia

Finnland

Der lange Zeit weltgrößte Hersteller von Mobiltelefonen (1998 – 2012) verdankt seinen Namen einem Marder, der an den Ufern des Flusses Nokianvirta rund 30 Kilometer westlich von Tampere lebte, sowie dem Landgut Nokia, das es bereits um 1500 gab. 1859 erbte der Unternehmer Adolf Törngren (1824 – 1895) das Anwesen und bald darauf heiratete er die Schwester des Bergbauingenieurs Knut Fredrik Idestam (1838 – 1916), der seit 1865 in der Nähe von Tampere eine Papierfabrik betrieb. Nachdem Törngren 1866 Bankrott gegangen war, erwarb Idestams Firma den Nokia-Besitz, um dort eine zweite Papierfabrik zu errichten. 1871 gründeten Idestam und der finnische Politiker Leo Mechelin (1839 – 1914) die Aktiengesellschaft Nokia Osakeyhtio (Nokia Aktiengesellschaft), die ihre Aktivitäten ab 1877 nur noch auf das neue Werk konzentrierte. Die Hauptabsatzmärkte von Nokia waren damals vor allem Russland, China, Großbritannien und Frankreich.

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs wurde Nokia von der Gummifabrik Suomen Gummitehdas Osakeyhtio (Finnische Gummiwerke Aktiengesellschaft) übernommen, die hauptsächlich Gummischuhe herstellte. Das 1898 von Carl Henrik Lampen in Helsinki gegründete Unternehmen hatte sich 1904 in der Nähe der Nokia-Papierfabriken angesiedelt, um die Energie aus einem Nokia-Wasserkraftwerk günstig mitnutzen zu können.

1922 erwarb Suomen Gummitehdas die 1912 von Arvid Konstantin Wikström in Helsinki gegründete Firma Suomen Kaapelitehdas Osakeyhtiö (Finnische Kabelwerke Aktiengesellschaft). Alle drei Unternehmen verwendeten für ihre Produkte (Papier, Schuhe, Transportbänder, Kabel) nun die Markennamen Nokia und Nokian. 1925 nahm Suomen Gummitehdas die Produktion von Fahrradreifen auf, 1932 folgten Autoreifen. 1938 wurde der Ort Pohjois-Pirkkala, der sich in der Nähe der Fabrikanlagen befand, in Nokia umbenannt.

1967 schlossen sich die drei Unternehmen unter dem Namen Nokia Osakeyhtio (Nokia Aktiengesellschaft) vollständig zusammen. Seit dieser Zeit beschäftigte sich Nokia mit der Entwicklung von Mobilfunksystemen, vor allem, weil es sich in dem riesigen, aber teilweise menschenleeren Land kaum lohnte, Telefonleitungen zu verlegen. Den Ausschlag dazu hatte 1963 eine Ausschreibung der finnischen Armee gegeben, die kabellosen Gefechtsfunk beschaffen wollte. Nokia konnte dabei auf die Erfahrungen der ab 1960 aufgebauten Elektronik- und Computerabteilung der Finnischen Kabelwerke zurückgreifen, außerdem arbeitete man in diesem Bereich eng mit dem Radio- und Fernsehgerätehersteller Salora aus Salo zusammen. Gemeinsam entwickelten beide Unternehmen Anfang der 1970er Jahre das Autofunktelefon-Netzwerk ARP (Autoradiopuhelin), dem allerdings kein großer kommerzieller Erfolg beschieden war.

Nokia beteiligte sich neben anderen Unternehmen wie Ericsson auch am Aufbau des analogen, handvermittelten Mobiltelefonsystems NMT (Nordisk MobilTelefoni), das in den 1980er Jahren in mehreren nordeuropäischen Ländern in Betrieb genommen wurde (Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Island).

Für die Entwicklung und Herstellung der Mobiltelefone gründeten Nokia und Salora 1979 das Jointventure Mobira, das durch den Zusammenschluss von Nokia und Salora 1984 ganz in den Besitz von Nokia überging. Bis 1989 wurden die Geräte unter dem Namen Mobira verkauft. Ein prominenter Nutzer der Mobira-Telefone war u.a. Michail Gorbatschow. Von 1981 bis 1987 vermarktete Nokia unter dem Namen MikroMikko auch Personal-Computer. Außerhalb Finnlands und einiger nordeuropäischer Länder wurde Nokia erst 1987 bekannt, als das Unternehmen die deutschen Unterhaltungselektronik-Hersteller ITT-Schaub-Lorenz und Graetz von CGE/Alcatel-SEL (Standard Elektrik Lorenz) übernahm und seine Produkte eine Zeit lang unter dem Markennamen ITT-Nokia verkaufte.

In den 1990er Jahren konzentrierte sich Nokia nur noch auf den Bereich Telekommunikation, vor allem auf die Herstellung von Mobiltelefonen; das Unternehmen gehörte ab 1992 zu den Mitentwicklern des digitalen Mobilfunk-Standards GSM (Global System for Mobile Communication). Besonders erfolgreich wurden die Modelle 3210 (1999; 160 Millionen verkauften Exemplare) und 3310 (2000; 126 Millionen verkauften Exemplare).

Die Papierfabrik in Nokia wurde 1989 an die James River Corporation verkauft (seit 2000 gehört Nokian Paperi dem US-Papierkonzern Georgia-Pacific), die Computersparte (Nokia Data Systems) ging 1991 an die britische Fujitsu-Tochter ICL (International Computers Limited); die chinesisch-kanadische Holdinggesellschaft Semi-Tech (Akai, Pfaff, Sansui, Singer) erwarb 1996 das Unterhaltungselektronikgeschäft (Finlux, Salora, Schaub-Lorenz). Der Reifenhersteller Nokian Tyres wurde 1988 verselbstständigt (seit 2003 ist Bridgestone Mehrheitsaktionär), ebenso 1990 die Schuhsparte Nokian Footwear.

2006/2007 erwarb Nokia die Gate5 AG aus Berlin, ein Entwickler von Navigations-Software, sowie die US-Firma Navteq aus Chicago, einen Anbieter Geodaten zum Einsatz in Navigationsgeräten. Das Telekomausrüstungsgeschäft (Infrastrukturdienstleistungen für Fest- und Mobilnetzbetreiber) betrieb Nokia von 2007 bis 2013 gemeinsam mit Siemens (Nokia Siemens Networks war der drittgrößte Telekommunikationsausrüster der Welt nach Alcatel-Lucent und Ericsson-Marconi). 2009 stieg Nokia mit einem Netbook (Nokia Booklet 3G) erneut in das PC-Geschäft ein.

2010 wurde der frühere Microsoft-Manager Stephen Elop Vorstandschef von Nokia, woraufhin Nokia und Microsoft eng kooperierten (Microsoft verwendet Nokias Kartendienste, Abkehr vom eigenen Betriebssystem Symbian zugunsten von Windows Phone). Zu dieser Zeit hatte Nokia allerdings schon lange unter der immer stärker werdenden Konkurrenz von Apples iPhone und den Google-Android-Smartphones zu leiden; die Marktanteile gingen stetig zurück und 2012 wurden die Finnen als weltgrößter Mobiltelefon-Hersteller von Samsung abgelöst. Ende 2012 schloss Nokia seine letzte Fabrik in Finnland (Salo). In der Stadt Nokia ist das Unternehmen ebenfalls nicht mehr vertreten; der Hauptsitz wurde inzwischen nach Espoo, der zweitgrößten finnischen Stadt, verlegt, direkt vor den Toren Helsinkis. 2013/14 übernahm Microsoft schließlich die gesamte Mobiltelefon-Sparte von Nokia mit mehreren Produktionsstandorten und 32.000 Mitarbeitern; Microsoft darf die Marke Nokia noch 10 Jahre für die Vermarktung von Mobiltelefonen nutzen; das Unternehmen selbst firmierte als Microsoft Mobile Oy. Nokia konzentrierte sich anschließend auf das Netzwerkgeschäft, den Kartendienst HERE, der u.a. von Amazon, Audi, BMW, Firefox, Mercedes-Benz, Microsoft und Volkswagen genutzt wird, sowie die Lizensierung des umfangreichen Nokia-Patentportfolios.

2015 erwarb Nokia den französischen Telekomausrüster Alcatel-Lucent inkl. der berühmten Bell Laboratories aus Murray Hill/New Jersey, die einst zum Telekomkonzern AT&T gehört hatten. Das fusionierte Unternehmen firmiert unter dem Namen Nokia Corporation und hat seinen Sitz weiterhin in Finnland. Kurz darauf verkaufte Nokia den Kartendienst HERE an die drei Automobilkonzerne VW/Audi, BMW und Daimler.

2016 verkaufte Microsoft das Geschäft mit den Feature-Phones (einfache Handys) an die von ehemaligen Nokia-Managern gegründete finnische Firma HMD Global Oy (Helsinki), die von Nokia das exklusive Recht erhielt, den Traditionsnamen in den nächsten zehn Jahren für die Vermarktung von Handys, Smartphones und Tablets zu nutzen. Produktion (eine Produktionsstätte Hanoi/Vietnam), Vertrieb und Verkauf übernahm die Foxconn-Tochter FIH Mobile Limited. 2017 brachte HDM die ersten neuen Nokia-Smarthones auf den Markt.

Text: Toralf Czartowski

Nokia Logo
Nokia Logo
Nokia Siemens Networks Logo
Nokian Tyres Logo
Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:53