Markenlexikon

MAN

Deutschland

Die 1840 von Ludwig Sander (1790 – 1877) gegründete Sander’sche Maschinenfabrik (ab 1844 C. Reichenbach’sche Maschinenfabrik; ab 1857 Maschinenfabrik Augsburg AG) wurde vor allem durch den Bau der ersten deutschen Rotationsdruckmaschine (1873), der Linde-Kühlmaschinen (1879) und dem gemeinsam mit Rudolf Diesel entwickelten Diesel-Motor bekannt.

Der Ingenieur Rudolf Diesel (1858 – 1913) hatte 1892 einen Verbrennungsmotor entwickelt, der ohne elektrische Zündanlage und Vergaser auskommt. Der in den Verbrennungsraum eingespritze Kraftstoff entzündet sich an der außergewöhnlich stark komprimierten heißen Luft selbst (Selbstzünder). Durch die hohe Verdichtung können höher siedende und billigere Schweröle (Diesel-Öle) verwendet werden (bei langsam laufenden Motoren sogar Roh- oder Teeröl). 1897 stellte Diesel den ersten stationären Diesel-Motor in der Maschinenfabrik Augsburg, für die er als freier Berater tätig war, fertig. Dieser erste Motor setzte die Heizenergie des Kraftstoffs zu 26 Prozent in mechanische Arbeit um (der Otto-Motor nur zu 13 Prozent). Wegen der hohen Kompression und der damit verbundenen massiven Bauweise der Zylinderwände, kam der Diesel-Motor zunächst nur als Stationärmotor (u.a. in Kraftwerken; das erste wurde von MAN 1904 in Kiew errichtet) und als Schiffsmotor zum Einsatz.

1897 schloss sich die Maschinenfabrik Augsburg AG mit der Maschinenbau Actien-Gesellschaft Nürnberg (1841 von Johann Friedrich Klett als Eisengießerei gegründet) zur Vereinigte Maschinenfabrik Augsburg und Maschinenbaugesellschaft Nürnberg AG zusammen. 1908 wurde das Unternehmen in Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg Aktiengesellschaft (MAN) umbenannt. MAN produzierte Dieselkraftwerke, Lokomotiven, Eisenbahnwaggons, Geschützrohre, Schiffs- und Flugzeugmotoren sowie ab 1915 auf Druck der deutschen Regierung, die während des 1. Weltkriegs vermehrt Lastwagen für den Fronteinsatz brauchte, auch Nutzfahrzeuge nach einer Lizenz der Schweizer Firma Saurer.

1921 wurde MAN durch den Bergbau- und Hüttenbetrieb Gutehoffnungshütte (GHH) übernommen. Die Eisenhütte »Gute Hoffnung« in Sterkrade war 1782 von dem Hüttenmeister Johann Eberhard Pfandhöfer, dem ehemaligen Pächter der St. Antony-Hütte in Oberhausen, errichtet worden. 1923 brachte MAN den weltweit ersten Lastwagen mit Diesel-Motor auf den Markt.

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs begann GHH mit der Übernahme anderer Unternehmen, u.a. 1921/1926 Ferrostaal (Den Haag) und 1923 die Zahnräderfabrik Augsburg vorm. Johann Renk Aktiengesellschaft. Von 1921 bis 1962 stellte MAN auch Landmaschinen her, vor allem Traktoren (MAN Ackerdiesel). 1938 übernahm MAN den Nutzfahrzeughersteller Österreichische Fiat Werke, der daraufhin als Österreichische Automobil-Fabriks AG (ÖAF) firmierte.

1950 wurde der GHH-Konzern in mehrere Einzelunternehmen aufgeteilt (Bergbau AG Neue Hoffnung, Gutehoffnungshütte Aktienverein AG, Haniel & Cie., Hüttenwerke Oberhausen AG). 1957 entstand die MAN Nutzfahrzeuge AG (München). 1960/1965 erwarb MAN die BMW Flugmotorenbau GmbH. 1969 brachten Daimler-Benz (Maybach-Mercedes-Benz Motorenbau GmbH, Friedrichshafen) und MAN (MAN Turbomotoren GmbH, München) ihre Motorenbauaktivitäten in das Jointventure Motoren- und Turbinen-Union GmbH (MTU) ein, das 1985 ganz in den Besitz von Daimler-Benz überging.

1970 erwarb MAN die Gräf & Stift Automobilfabrik AG (Wien), die anschließend mit ÖAF zur Österreichische Automobil-Fabrik ÖAF & Gräf & Stift AG zusammengeschlossen wurde. Durch die Übernahme der Büssing Automobilwerke AG (1903 von Heinrich Büssing in Braunschweig gegründet), kam MAN 1971 zu seinem Markenzeichen, den Braunschweiger Löwen. Später übernahm MAN auch die Nutzfahrzeughersteller Steyr Nutzfahrzeug AG aus Steyr/Österreich (1990), Zakładów Starachowickich Star aus Starachowice/Polen (1999), ERF (Edwin Richard Foden) aus Sandbach/Großbritannien (2000) und den deutschen Bushersteller Gottlob Auwärter/Neoplan (2001).

1971 beteiligte sich MAN am europäischen Raumfahrtprojekt Europa/Ariane (Entwicklung der Turbopumpen). Dieser Bereich, der ab 1986 als MAN Technologie GmbH (ab 1989 AG) firmierte und Komponenten für Ariane-Raketen, Airbus-Flugzeuge, Tiger-Hubschrauber und militärische Raketen produzierte, wurde 2005 an die OHB Technology AG (Bremen) und die Apollo Capital Partners GmbH (München) verkauft und in MT Aerospace AG (Augsburg) umbenannt.

1979 übernahm MAN die Offsetmaschinenfabrik Faber & Schleicher (Offenbach), die daraufhin mit dem MAN-Druckmaschinenbau zusammengeschlossen und in MAN-Roland Druckmaschinen AG umfirmiert wurde. 2006 brachte MAN die MAN-Roland Druckmaschinen AG (nun Manroland) in eine neue Beteiligungsgesellschaft ein, an der die Private-Equity-Gesellschaft Allianz Capital Partners mit 65 Prozent und MAN mit 35 Prozent beteiligt sind (Manroland musste 2011 Insolvenz anmelden).

1980 kam es zur Übernahme der dänischen B&W Diesel A/S, einem renommierten Hersteller von Großdieselmotoren. Im gleichen Jahr wurde der Firmenname in M.A.N. Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg AG geändert. Aus der Verschmelzung der M.A.N. Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg AG auf die Gutehoffnungshütte Aktienverein AG (Oberhausen) entstand 1986 die neue MAN AG. Gleichzeitig verlegte man den Firmensitz nach München.

1990 verkaufte MAN die Schienenfahrzeugaktivitäten (Schienenbusse, U-Bahn- und Straßenbahnwagen) an die Daimler-Benz-Tochter AEG. 1996 kam es zu Übernahme der Turbomaschinen-Aktivitäten der Babcock-Borsig AG Berlin (heute MAN Turbo AG). 2000 erwarb die MAN B&W Diesel AG den britischen Dieselmotorhersteller Alstom Engines (Manchester) und 2001 die Turbomaschinen-Aktivitäten der Sulzer AG (Schweiz). Das Industriedienstleistungsunternehmen Ferrostaal AG (Essen) wurde 2009 mehrheitlich (70 Prozent) an die International Petroleum Investment Company (IPIC) aus Abu Dhabi veräußert. 2011 kaufte MAN diese Anteile zurück, reichte das gesamte Unternehmen aber anschließend an die Hamburger Beteiligungsgesellschaft MPC Industries weiter.

Im Zuge des MAN-Übernahmeangebots für den schwedischen Nutzfahrzeughersteller Scania, an dem Volkswagen beteiligt war, übernahm VW im Oktober 2006 einen Anteil von 15 Prozent an der MAN AG. Im Januar 2007 scheiterte die geplante komplette Scania-Übernahme jedoch am Widerstand der Managements von Scania und VW sowie dem Scania-Miteigentümer Investor AB. Kurz darauf erhöhte VW seinen Anteil an der MAN AG auf knapp unter 30 Prozent. Aufgrund einer weiteren Erhöhung auf knapp über 30 Prozent Anfang 2011, musste VW den übrigen MAN-Aktionären eine Übernahmeofferte unterbreiten, die von zahlreichen Eignern im Juli 2011 angenommen wurde. Damit besaß VW 55,9 Prozent der MAN-Stammaktien und das 2009 in MAN SE (Societas Europaea) umfirmierte Unternehmen verlor nach 253 Jahren seine Unabhängigkeit. Bis 2012 erhöhte Volkswagen seinen Anteil auf über 75 Prozent. 2015 wurden die Nutzfahrzeugsparten (Lkw, Busse) von MAN und Scania in die VW-Tochter Truck & Bus GmbH (Wolfsburg) eingebracht. Die MAN SE existiert weiterhin als börsennotierte Unternehmenshülle ohne operatives Geschäft. Der Bereich Power Engineering – MAN Diesel & Turbo und Renk AG – (Schiffsdieselmotoren, Stationärmotoren, Fahrzeug- und Schiffsgetriebe, Gleitlager, Kupplungen, Kompressoren, Gasturbinen, Dampfturbinen) wird in ein neues Unternehmen übertragen.

MAN Nutzfahrzeuge werden in den Werken München, Steyr und Krakau (Polen) gefertigt; im Werk Salzgitter werden fortan nur noch Komponenten (Achsen, Kurbelwellen) gefertigt.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:52