Markenlexikon

IBM

USA

Die Ursprünge von IBM gehen auf den deutschstämmigen Bergwerksingenieur Herman Hollerith (1860 – 1929) zurück, der als Statistiker an der siebenjährigen Auswertung der zehnten amerikanischen Volkszählung im Jahre 1880 mitgearbeitet hatte. Um das mühselige Zählen zu vereinfachen, konstruierte er eine elektromagnetische Sortier- und Zählmaschine, die in der Lage war, gelochte Pappkarten mit statistischen Daten automatisch auszuzählen. Bei der 11. Volkszählung 1890 wurden die neuen Maschinen erstmals eingesetzt und bereits nach zwei Jahren konnte die Auswertung abgeschlossen werden. Dieser grandiose Erfolg trug wesentlich zur schnellen Verbreitung des Lochkartenverfahrens in Industrie, Handel, bei Banken und vor allem in staatlichen Behörden bei. Um die Lochkarten und Maschinen in industriellem Maß herstellen zu können, gründete Hollerith 1896 in Washington/D.C. die Tabulating Machine Company (TMC). Für 5000 Dollar pro Jahr vermietete er seine Maschinen an Behörden und Unternehmen; das eigentliche Geld brachten jedoch die Lochkarten. Sie wurden in großen Stückzahlen benötigt und konnten nur einmal verwendet werden. Das Geschäft mit den Karten war so lukrativ, dass die Maschinen den Kunden zeitweise sogar kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. Um die Jahrhundertwende exportierte die TMC ihre Lochkartenmaschinen auch in viele europäische Länder.

1911 verkaufte Hollerith sein Unternehmen an den New Yorker Finanzier Charles Ranlett Flint (1850 – 1934), der sie mit der Computing Scale Company (Waagen) und der International Time Recording Company (Stechuhren) zur Computing Tabulating Recording Company (CTR) mit Hauptsitz in New York City zusammenschloss. Hollerith blieb noch einige Jahre als Berater für die CTR tätig, 1921 zog er sich dann aber ins Privatleben zurück.

Flint engagierte 1914 Thomas John Watson (1874 – 1956) als Chefmanager, der zuvor bei der National Cash Register Company (NCR) Registrierkassen verkauft hatte. 1924 wurde aus der CTR die International Business Machines Corporation (IBM), woran schon zu erkennen war, in welche Richtung der weitere Weg führen sollte. Nachdem der Büromaschinenmarkt im eigenen Land unter den Firmen IBM, Burroughs und Remington-Rand aufgeteilt war, zog es Watson in überseeische Gefilde, wo es bereits mehrere Niederlassungen unter dem Namen Hollerith gab, u.a. seit 1910 die Deutsche Hollerith Maschinen Gesellschaft (Dehomag) in Berlin. Obwohl IBM auch andere Produkte wie Schreibmaschinen, Waagen, Stechuhren und eine kurze Zeit sogar Kaffeemühlen und Wurstschneidemaschinen herstellte, blieben die Lochkartenmaschinen, die für eine monatliche Gebühr von rund 350 Dollar an die Kunden vermietet wurden, weiterhin das Hauptprodukt.

Trotz des weltweiten Erfolges zeigten sich allmählich die Grenzen der klassischen Lochkartentechnik. In Deutschland baute der ehemalige Bauingenieur Konrad Zuse (1910 – 1995) gemeinsam mit dem Nachrichtentechniker Helmut Schreyer (1912 – 1984) von 1934 bis 1939 aus ausrangierten Telefonrelais zwei mechanische Rechenmaschinen (Z1, Z2), die jedoch aufgrund mangelhaft gefertigter Mechanikteile noch nicht voll funktionsfähig waren. Seit 1938 beschäftigten sich auch IBM-Ingenieure unter Leitung des Universitätsprofessors Howard Hathaway Aiken (1900 – 1973) mit dem Bau einer Rechenanlage. Das Ergebnis, der Relaisrechner Harvard Mark 1 (1944), war jedoch noch um die Hälfte langsamer als der Zuse Z3 (1941), der als erster funktionsfähiger programmgesteuerter digitaler Rechenautomat in die Annalen der Computergeschichte einging. Der Z3 bestand aus einer dezimalen Tastatur, einem Lampenfeld als Datenausgabe sowie 600 Schaltrelais, 600 Relais für andere Zwecke und 1400 Speicherrelais (Speichervermögen: 64 Zahlen zu je 22 Dezimalstellen). Er beherrschte die vier Grundrechenarten sowie die Berechnung quadratischer Wurzeln (die Berechnung einer Operation dauerte etwa drei Sekunden).

Doch IBM-Chef Watson konnte mit der neuen Technik nicht viel anfangen; für ihn gehörten Computer in Labors oder Universitäten und Lochkartenmaschinen in die Büros. Erst als sich immer mehr Kunden darüber beschwerten, dass sie nicht mehr wussten, wo sie die gigantische Menge von Lochkarten noch unterbringen sollten, musste auch IBM einen konkurrenzfähigen Computer entwickeln.

Von 1943 bis 1946 bauten die beiden Ingenieure John Presper Eckert (1919 – 1995) und John William Mauchly (1907 – 1980) an der University of Pennsylvania in Pittsburgh die elektronische Großrechenanlage ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Computer). Die mit 18.000 Elektronenröhren bestückte und 30 Tonnen schwere Anlage stand auf einer Fläche von 140 Quadratmetern. Der ENIAC war nach dem Zuse Z3 und dem britischen Colossus (1943), mit dem die verschlüsselten Nachrichten der deutschen Chiffrier-Maschine Enigma entschlüsselt wurden, einer der drei ersten Computer der Welt. 1946 machten sich Eckert und Mauchly in Philadelphia selbstständig und begannen mit der Entwicklung des Universal Automatic Computer (Univac). Der Univac speicherte die Daten nicht mehr auf Lochkarten, sondern auf Magnetbändern. Dieses neue Verfahren war wesentlich schneller und vor allem platzsparender. 1949 ging den beiden Erfindern jedoch das Geld aus, sodass sie sich einen finanzkräftigen Partner suchen mussten. Erst sprachen sie mit IBM-Chef Watson, der Univac jedoch aus kartellrechtlichen Gründen nicht kaufen konnte, und so kam schließlich Remington-Rand zum Zug, ein Hersteller von Schreibmaschinen, Tabelliermaschinen und Rasierapparaten.

Mit dem Univac wurde Remington-Rand bzw. ab 1956 Sperry-Rand in den nächsten Jahren zum größten Konkurrenten von IBM. Der erste Univac ging 1951 an das Statistische Bundesamt, weitere Anlagen wurden an das Meinungsforschungsinstitut A.C. Nielsen, die Versicherungsgesellschaft Prudential und den Elektrokonzern General Electric (GE) geliefert. 1952 benutzte der Fernsehsender CBS einen Univac zur Errechnung von Wahlergebnissen. Der vorausberechnete Sieg des Präsidentschaftskandidaten Dwight D. Eisenhower machte den Univac in den frühen 1950er Jahren so berühmt, dass der Name synonym für Rechenanlage bzw. Computer verwendet wurde. Selbst IBM-Computer wurden damals als »Univac von IBM« bezeichnet – sehr zum Ärger der IBM-Manager. Bis Mitte der 1950er Jahre blieb der Univac der führende Computer der USA. Weite Verbreitung fanden die Univac-Rechner bei Fluggesellschaften, die darauf ihr Buchungssystem betrieben.

IBM Blue Gene
IBM Blue Gene

Erst mit dem speziell für kleine und mittlere Betriebe konzipierten Magnettrommel-Rechner IBM 650 (1954) konnte IBM verlorenes Terrain zurückerobern und sich wieder an die Spitze setzen. Dank des ausgezeichnet funktionierenden Vertriebs- und Servicenetzes wurde diese Anlage zum ersten wirklichen Erfolg für IBM. Mitunter wurde er in Anlehnung an den erfolgreichen Ford T auch als »Modell T der Computerindustrie« bezeichnet. »Big Blue«, wie der Konzern wegen der blauen Farbe seiner Computergehäuse auch genannt wurde, stieg in den nächsten Jahrzehnten dank üppiger staatlicher Aufträge (u.a. für die Raumfahrtprogramme der NASA, das Militär und staatliche Atomforschungszentren) zum führenden Computerkonzern der Welt auf, was die US-Regierung jedoch nicht davon abhielt, mehrmals kartellrechtlich gegen das Unternehmen vorzugehen (1932, 1968 – 1982) – allerdings ohne Erfolg. 1964 verlegte IBM seinen Hauptsitz nach Armonk/New York, rund 60 Kilometer nordöstlich von New York City. 1972 entwarf der Grafik-Designer Paul Rand das bis heute verwendete hellblaue Streifen-Logo.

Im August 1981 brach IBM mit dem IBM 5150 Personal-Computer (16-Bit-Prozessor Intel 8088-CPU; 4,77 MHz; 16 – 640 KByte RAM; zwei 5.25-Zoll-Diskettenlaufwerke mit einer Kapazität von 320 KB, später auch 10-MB-Festplatte; MS-DOS-Betriebssystem; Tastatur; Monochrom- oder CGA-Monitor mit 2 oder 16 Farben; Preis: ab 1600 Dollar) in ein Marktsegment ein, das dahin vor allem von kleineren Firmen wie Apple, Atari, Commodore, Imsai und Tandy/RadioShack bedient wurde. Da IBM in diesem Bereich der Entwicklung hinterherhinkte, musste alles sehr schnell gehen. So wurden die meisten Teile nicht selbst entwickelt, sondern von externen Zulieferern wie Intel (Mikroprozessoren) oder Microsoft (Betriebssystem, Programmiersprachen) eingekauft und nur noch zusammengebaut. Das versetzte allerdings andere Computerhersteller in die Lage baugleiche Geräte zu produzieren, ohne Lizenzgebühren für Patente zahlen zu müssen. Schon 1983 brachten die Firmen Columbia Data Products, Corona und Compaq die ersten IBM-kompatiblen PCs auf den Markt – unzählige Hersteller auf der ganzen Welt sollten bald folgen. Obwohl IBM nicht glücklich darüber war, entwickelte sich der IBM-PC bzw. seine Nachfolger IBM-PC 5160 XT (1983), IBM-PC 5170 AT (1984) und Personal System/2 (1987) unfreiwillig zum internationalen Industriestandard. Ab Mitte der 1980er Jahre waren Personal-Computer, die nicht dem IBM-Standard entsprachen, so gut wie unverkäuflich; eine Ausnahme bildeten lediglich die Home-Computer von Atari und Commodore/Amiga sowie die Apple-Macintosh-Computer, die mit einem eigenen Betriebssystem arbeiteten. Die Bezeichnung PC geht übrigens auf Edward Roberts zurück, der 1974/75 den Computerbausatz Altair entwickelt hatte. Die meisten Einzelplatzrechner für den Privatgebrauch wurden damals offiziell Micro- oder Home-Computer genannt, erst mit dem IBM-PC setzte sich der Begriff Personal-Computer durch.

Thomas J. Watson Jr. – von 1956 bis 1971 IBM-Chef – schrieb 1990 in seiner Biographie »Father, Son & Co. – My Life At IBM and Beyond«: »In der Geschichte von IBM war es nicht immer technologische Innovation, die uns Erfolg brachte. Leider gab es auch viele Augenblicke, wo wir nur als zweite ins Ziel kamen. Doch nach dem Univac haben wir auch Firmen mit besserer Technik überholt, weil wir es verstanden, Geräte zu verkaufen, die Anlagen erfolgreich aufzustellen und den Kunden gekonnt zu betreuen, wenn wir ihn erst einmal gewonnen hatten.«

1990 verkaufte IBM seine Schreibmaschinen-, Tastatur- und Drucker-Abteilung an die Investmentfirma Clayton, Dubilier & Rice, die ein Jahr später in Lexington/Kentucky das neue Unternehmen Lexmark gründete. 1995 erwarb IBM die Softwarefirma Lotus Development Corporation, die u.a. die Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3 (1983), die integrierte Software Lotus Symphony (1985), das Datenbanksystem Lotus Notes (1989) und die SmartSuite (1993; Ami Pro, Approach, Freelance Graphics, Organizer) entwickelt hatte. 2004 kam auch die PC-Sparte von IBM unter den Hammer. Käufer war der chinesische Staatskonzern Lenovo, der damit zum drittgrößten PC-Hersteller der Welt aufstieg (nach Dell und HP). IBM entwickelt und produziert nun vor allem leistungsfähige Server, Software und bietet komplette Unternehmenslösungen an. Das Geschäft mit den kleineren x86-Servern, die auf der Intel-Mikroprozessor-Architektur IA-32 (Intel Architecture with 32-Bit – auch x86-Architektur genannt) beruhen, wurde Anfang 2014 ebenfalls an Lenovo verkauft.

Zu den bahnbrechenden Entwicklungen, die IBM-Ingenieuren im Laufe der Unternehmensgeschichte gelangen, gehören u.a. die von John Backus entwickelte Programmiersprache Fortran (Formula Translation; 1954 – 1957), die elektrische Kugelkopfschreibmaschine (1961), die erste Schreibmaschine mit elektronischem Textspeicher (1964), das 8-Zoll-Diskettenlaufwerk mit einer Kapazität von 80 KB (Floppy Disk; 1969), der Magnetplattenspeicher Winchester Disk (1973) und die Datenbankabfragesprache Sequel/Structured English Query Language (1975), die später in SQL (Structured Query Language) umbenannt wurde und die heute Grundlage der meisten Datenbanksysteme ist.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:51