Markenlexikon

Gucci

Italien

Nachdem die Firma seines Vaters Pleite gegangen war, ging Guccio Gucci (1881 – 1953) 1897 nach London, wo er einige Jahre als Tellerwäscher, Portier und Liftboy im Savoy-Hotel arbeitete. Dort kam er erstmals mit dem europäischen Hochadel in Kontakt, wobei ihn weniger die Leute interessierten, sondern eher deren nobles Reisegepäck. Als er genug Geld verdient hatte, kehrte er nach Florenz zurück. Anschließend arbeitete er kurzzeitig in einem Antikengeschäft, dann nahm er eine Anstellung in der Ledermanufaktur Franzi an, wo er das Sattlerhandwerk von der Pike auf lernte. 1921 eröffnete er in seiner Heimatstadt schließlich eine eigene Werkstatt. Dort produzierte er nun hochwertige Koffer und Taschen, die denen, die er Jahre zuvor bei den Gästen des Savoy bewundert hatte, in nichts nachstanden. 1938 entstand ein zweites Geschäft in Rom. In den 1950er und 1960er Jahren erweiterte die Firma das Sortiment um Schuhe, Schals, Krawatten und Textilien, außerdem entstanden in dieser Zeit weitere Geschäfte in Mailand (1951), New York (1953), London (1961), Palm Beach (1961), Paris (1963) und Beverly Hills (1968). Einige Gucci-Produkte wie die »Handtasche mit Bambusgriff« (1947), der »Mokassin mit Trensen-Schmuckteil« (1953), die »Jackie O Schultertasche« für Jackie Kennedy (1961) oder der »Blumenmusterschal« für Fürstin Gracia Patricia von Monaco (1966) wurden zu Klassikern.

Nach dem Tod des Gründers 1953 führten seine Söhne Aldo (1905 – 1990), Vasco (1907 – 1975) und Rodolfo (1912 – 1983) das Unternehmen weiter; seine Tochter Grimalda hatte Guccio zuvor enterbt, da er Frauen nicht in der Geschäftsleitung sehen wollte. Die Gucci-Familie zerstritt sich jedoch bald hoffnungslos. Besonders schlimm wurde es nach dem Tod von Vasco Gucci, als Aldo, der für das Auslandgeschäft zuständig war, und Rodolfo um die alleinige Macht im Unternehmen kämpften. Der Marke Gucci konnten diese familiären Streitigkeiten zunächst noch nichts anhaben. Die Firma expandierte kräftig weiter: in Chicago (1971), Tokyo (1972) und Hongkong (1974) entstanden neue Shops, 1975 kam das erste Gucci-Parfum auf den Markt und 1981 stiegen die Italiener mit einer Ready-To-Wear-Kollektion in das Modegeschäft ein.

1982 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Bei einer der ersten Hauptversammlungen in Florenz kam es zwischen Paolo Gucci (1931 – 1995), einem Sohn von Aldo, und Maurizio Gucci (1948 – 1995), dem Sohn von Rodolfo, zu einer handfesten Prügelei, nachdem Maurizio Paolo mit einem Kassettenrekorder beworfen hatte. Nach dem Tod von Rodolfo 1983 übernahm Maurizio die Anteile seines Vaters und die Firmenleitung; bald darauf wurde er von Aldo und dessen Söhnen Roberto und Giorgio verklagt, weil er angeblich das Testament seines Vaters gefälscht hatte. Zur gleichen Zeit versuchte Paolo, der von seinem Vater wegen unterschiedlicher Ansichten über die weitere Firmenstrategie enterbt worden war, ein eigenes Modelabel etablieren (Gucci Plus), was zu einer langwierigen juristischen Auseinandersetzung führte. Paolo revanchierte sich dann bei seinem Vater, indem er ihn beim US-Finanzamt wegen Steuerhinterziehung anzeigte, woraufhin dieser 1986 für ein Jahr ins Gefängnis wanderte. Anschließend musste er sieben Millionen US-Dollar an den Fiskus zurückzahlen. 1987 verkaufte Aldo seine Aktienanteile an die bahreinische Investmentgesellschaft Investcorp, drei Jahre später starb er im Alter von 84 Jahren. Anfang der 1990er Jahre befand sich Gucci in einer desolaten Lage, besonders die US-Tochter Gucci America machte horrende Verluste. Die arabischen Scheichs aus Bahrein drängten Maurizio schließlich dazu, seine Anteile zu verkaufen, was dieser dann 1993 zähneknirschend tat. 1994 wurde die in den Niederlanden registrierte Holdinggesellschaft Gucci Group gegründet und ein Jahr später ging das Unternehmen in Amsterdam und New York an die Börse. Neuer Creative Director wurde Tom Ford, die Geschäftsführung der Gucci Group übernahm Domenico De Sole.

Im März 1995 setzte Patrizia Reggiani, Maurizios Ex-Frau, dem Gucci-Drama die Krone auf. Gemeinsam mit ihrer Wahrsagerin engagierte sie einen sizilianischen Berufskiller, der ihren Ex-Mann im März 1995 vor seinem Mailänder Büro erschoss. Die Tatbeteiligten – Patrizia Reggiani, die Wahrsagerin Giuseppina Auriemma, der Mörder Benedetto Ceraulo und sein Fahrer Orazio Cicala – wurden 1998 von einem Mailänder Gericht zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Von 1999 bis 2004 erwarb der französische Einzelhandelskonzern PPR (Pinault-Printemps-Redoute; seit 2013 Kering) die Mehrheit der Gucci Group, zu der inzwischen auch Yves Saint Laurent (seit 1999), Boucheron (seit 2000) und Balenciaga (seit 2001) gehören. Tom Fords Nachfolge traten 2004 seine Assistentin Alessandra Facchinetti und John Ray an; seit 2006 ist die frühere Fendi-Designerin Frida Giannini Kretivchefin von Gucci. Die Gucci-Tochter YSL Beauté (vormals Sanofi Beaute), die Parfums der Marken Balenciaga, Boucheron, Ermenegildo Zegna, Fendi, Gucci, Krizia, Oscar de la Renta, Van Cleef & Arpels und Yves Saint Laurent herstellt, wurde 2008 an L'Oréal verkauft.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:51