Markenlexikon

Gillette

USA

Kaufen, benutzen, wegwerfen und wieder neu kaufen – kurz, das, was man heute als Wegwerfmentalität bezeichnet, nahm 1901 in den USA seinen Anfang. Nachdem sich der Handlungsreisende King Camp Gillette (1855 – 1932) wieder einmal über sein stumpfes Rasiermesser geärgert hatte, kam ihm die zündende Idee. Er entwickelte einen Rasierapparat mit auswechselbaren Klingen. William Emery Nickerson, ein am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ausgebildeter Ingenieur, entwickelte für dieses Gerät hauchdünne, doppelseitige Stahlklingen, die mit Hilfe einer selbstentwickelten Maschine auch noch billig produziert werden konnten.

Die Idee, etwas zu entwickeln, das nicht ewig hält und immer wieder erneuert werden muss, gab ihm sein früherer Arbeitgeber William Painter, der 1892 den Metall-Kronkorken mit den charakteristischen 24 Zacken erfunden hatte. Von ihm stammte die Weisheit »Wenn du reich werden willst, musst du etwas erfinden, das die Leute wegwerfen«.

Im September 1901 gründeten Gillette und Nickerson die American Safety Razor Company (ab 1902 Gillette Safety Razor Company, ab 1952 The Gillette Company); als erste Fabrik diente ein sechstöckiges Gebäude in der First Street im Süden Bostons. Zunächst konnten sich die Amerikaner jedoch nicht mit Gillettes Wegwerfrasierer anfreunden. Im ersten Produktionsjahr 1903 wurden lediglich 51 Geräte und 168 Klingen verkauft. Erst im darauf folgenden Jahr, als sie genügend Werbung für ihr neues Gerät gemacht hatten, setzte sich das praktische Prinzip allmählich durch und die Verkauszahlen stiegen rapide an (90.884 Rasierer und 123.648 Klingen). 1905 eröffnete Gillette in London ihre erste europäische Verkaufsniederlassung und in Paris eine Produktionsstätte. 1906 entstand ein weiteres Werk in Montréal (Kanada).

Als wahrer Glücksfall erwies sich 1917 der Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg. Die Soldaten mussten sich wegen der erstmals verwendeten Gasmasken täglich rasieren, was vorher eher unüblich gewesen war. Gillette lieferte während des Krieges über drei Millionen Rasierapparate und 36 Millionen Klingen an die U.S. Army. Danach hatte das traditionelle Rasiermesser endgültig ausgedient, und zwar nicht nur in Nordamerika, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt, wo Gillette bereits eine ganze Reihe von Niederlassung, Tochtergesellschaften und Produktionswerken besaß (u.a. Brüssel, Buenos Aires, Genf, Kalkutta, Konstantinopel, Kopenhagen, London, Madrid, Mailand, Paris, Petrograd, Port Elisabath, Shanghai, Singapur, Sydney, Tokyo). 1915 brachte Gillette erstmals einen Nassrasierer für Frauen auf den Markt (Milady Décolletée).

1921 lief das Patent auf Gillettes Sicherheitsrasier aus, sodass es das Unternehmen nun mit vielen neuen Konkurrenten zu tun bekam, die ähnliche Rasiergeräte auf den Markt brachten. Eine weitere Konkurrenz entstand durch die Erfindung der elektrischen Trockenrasierer Ende der 1930er Jahre (1937 Schick/Remington, 1939 Philips) – von 1938 bis 1940 produzierte auch Gillette Elektrorasierer.

Mit viel Werbung, Billigrasierern (Silver Brownie), neuen Produkten (1936 Gillette Brushless Shaving Cream) und zahlreichen Innovationen wie rostresitenten Klingen (1932), dem Twist-To-Open-Öffnungsmechanismus (1934), silikonbeschichteten Klingen (1958), rostfreien Edelstahlklingen (1963), platinveredelten Klingen (1969), dem Doppelklingensystem Trac II/GII (1971), dem Schwingkopf-Rasierssytem Atra/Contour (1978), dem Doppelklingen-Rasier-System Sensor (1990) mit einzeln federnd gelagerten Klingen, dem 3-Klingen-System Mach 3 (1998) oder dem 5-Klingensystem Fusion (2006) blieb Gillette weltweiter Herr über die Bärte.

2005 wurde die Gillette Company, zu der auch die deutsche Firma Braun (seit 1967), der kalifornische Zahnbürstenspezialist Oral-B Laboratories (seit 1984) und der US-Batteriehersteller Duracell (seit 1996) gehörten, vom US-Konsumgüterkonzern Proctor & Gamble (Ariel, Pampers) übernommen und anschließend aufgelöst. Gillette ist nun nur noch eine Marke des P&G-Konzerns.

Ironie des Schicksals: Der MIT-Absolvent Gillette hatte vor seiner Unternehmerkarriere den Plan gehabt, den Kapitalismus abzuschaffen und das Geld zu gleichen Teilen auf die ganze Menschheit aufzuteilen. Seine Ideen fielen jedoch im Kernland des Kapitalismus nicht gerade auf fruchtbaren Boden und letztlich profitierte er selbst vom ungeliebten Kapitalismus. Als er 1932 starb, war er allerdings aufgrund der Weltwirtschaftskrise fast bankrott.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:51