Markenlexikon

Exxon

USA

Von John Davison Rockefeller (1839 – 1937) wird erzählt, dass es für ihn keine größere Freude gab, als das stundenlange Hantieren mit möglichst vielen Banknoten. »Viele Male am Tag ging ich zum Safe, um mich an dem Geld zu ergötzen«, erinnerte er sich später. Seine erste Tätigkeit war dann auch ein Job als Buchhalter in einer Handelsfirma. 1859 gründete er in Cleveland/Ohio zusammen mit dem englischen Einwanderer Maurice Clark und dem Geld seines Vaters, eines umherziehenden Wunderdoktors, eine eigene Großhandelsfirma, die die Nordstaaten-Armee während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861 – 1865) mit Proviant belieferte. Um das verdiente Geld gewinnbringend anzulegen, investierte Rockefeller 1863 mit Clark, dessen beiden Brüdern und dem Chemiker Samuel Andrews, einem alten Bekannten, in den Bau einer Ölraffinerie in Cleveland (The Flats).

Zwar wusste damals noch niemand so recht, was man mit der braunen Flüssigkeit alles anstellen konnte. Erst drei Jahre zuvor hatte Edwin Laurentine Drake in Titusville/Pennsylvania die ersten größeren unterirdischen Erdölvorkommen der USA entdeckt. Außer für Petroleumlampen, die sich nur wohlhabende Leute leisten konnten, gab es kaum Verwendungsmöglichkeiten. Nachdem sich jedoch immer mehr Unternehmer auf den neuen Markt stürzten und die Fördertechnik besser wurde, konnte Petroleum auch den Massen der Bevölkerung preiswert angeboten werden, was zu einem rapiden Nachfrageanstieg führte. 1866 baute Rockefeller eine zweite Raffinerie. Sie bekam den Namen Standard Works – hier tauchte der spätere Firmenname Standard (engl. allgemein) zum ersten Mal auf. 1870 schloss Rockefeller seine beiden Raffinerien in Cleveland zur Standard Oil Company of Ohio (SOHIO) zusammen. Neben seinen Brüdern John und William Rockefeller, waren an der Gründung auch Henry Morrison Flagler, Samuel Andrews, Stephen Harkness und Oliver Gould Jennings, der Schwager von William Rockefeller, beteiligt.

Nach und nach kaufte Standard Oil nun alle Raffinerien in Cleveland und der näheren Umgebung auf. Und je größer der Konzern wurde, desto schwerer hatten es die noch verbliebenen unabhängigen Firmen, was dazu führte, dass sie entweder Pleite machten oder sich ebenfalls der Standard Oil Company anschlossen. Wer sein Unternehmen verkaufte, wurde mit Standard-Oil-Aktien und leitenden Posten belohnt. Nachdem Rockefeller auch die Pipelines unter seine Kontrolle gebracht hatte, begann er in andere Bundesstaaten zu expandieren, obwohl das Aktiengesellschaften damals verboten war. Mit Hilfe von Strohmännern und Bestechungen umging er dieses Verbot jedoch und gründete in mehreren Bundesstaaten Tochtergesellschaften und erwarb diverse Beteiligungen. Ein Journalist schrieb darüber: »Die Standard Oil hat mit dem Parlament von Pennsylvania schon alles gemacht, nur raffiniert hat sie es noch nicht.« Zehn Jahre nach ihrer Gründung beherrschte die Standard Oil Company nahezu das gesamte nordamerikanische Ölgeschäft. Gleichzeitig stieg das Unternehmen auch in die Ölförderung ein.

1882 schloss Rockefeller seine inzwischen rund 40 Gesellschaften im Standard Oil Trust zusammen. Im gleichen Jahr entstand neben der Standard Oil Company of New York (SOCONY), die für den gesamten Neuengland-Bereich der Ostküste zuständig war, noch eine weitere Tochtergesellschaft, die Standard Oil Company of New Jersey mit Sitz in New York City. Die SOCONY übernahm zur gleichen Zeit auch die 1866 in Rochester/New York gegründete Vacuum Oil Company, die schon seit 1879 zum Standard-Oil-Konzern gehört hatte. Das Markenzeichen dieser Firma war der Pegasus, das geflügelte Pferd aus der griechischen Mythologie.

1888 gründete Standard Oil in Großbritannien die erste Auslandsgesellschaft (Anglo American Oil Company) und ein Jahr später die Standard Oil Company of Indiana. 1890 entstand auch in Deutschland eine Tochtergesellschaft, die Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft in Bremen (Marke: Dapolin) – diese Firma, die seit 1951 als Esso AG firmiert, ist das älteste deutsche Mineralöl-Unternehmen.

1892 wurde der Standard Oil Trust aufgelöst – als neue Holdinggesellschaft fungierte ab 1899 die Standard Oil Company of New Jersey, die inzwischen aus über 70 Firmen bestand. 1898 expandierte der Konzern durch die Übernahme der Imperial Oil Company auch nach Kanada. 1900 erwarb Standard Oil die 1879 gegründete Pacific Coast Oil Company, die ein ergiebiges Ölfeld im Pico Canyon, nördlich von Los Angeles besaß; daraus entstand 1906 die Standard Oil Company of California (SOCAL). Um die Jahrhundertwende wurde in Norwegen erstmals der Tiger als Symbol für das Standard-Benzin verwendet (1959 kam der berühmte Werbeslogan »Put A Tiger In Your Tank« auf). 1904 errichtete Standard Oil in Rumänien die erste Förderstätte außerhalb Nordamerikas.

Nachdem sich Rockefeller 1897 von der Geschäftsführung zurückgezogen hatte, wurde die öffentliche Kritik an seinen rüden Geschäftsmethoden immer lauter. Ein Millionärskollege taufte ihn »Reckafellow« (Halsabschneider), die Presse betitelte ihn als Raubritter oder Räuberbaron, und die Journalistin und Buchautorin Ida Tarbell schrieb: »Es war etwas ganz unbeschreiblich Abstoßendes an ihm«. Selbst die Kirche verzichtete auf eine Schenkung, weil es sich um »schmutziges Geld« handelte. Auch Regierungskreise waren immer weniger gewillt, sich von dem maßlosen Standard-Oil-Konzern auf der Nase herumtanzen zu lassen. Besonders Präsident Theodore Roosevelt (1901 – 1908) hatte eine Abneigung gegen Monopole.

Bereits seit 1890 gab es in den USA ein Antitrust-Gesetz, den so genannten Sherman Act, der nun zur Anwendung kam. 1907 wurde die Standard Oil Company angeklagt, gegen dieses Gesetz verstoßen zu haben. Im Mai 1911 ordnete der Oberste Gerichtshof der USA schließlich die Aufteilung des Konzerns in mehrere selbstständige Gesellschaften an. Die Rockefeller-Familie behielt die Standard Oil Company of New Jersey (Jersey Standard), die anderen Gesellschaften firmierten nun u.a. als Standard Oil Company of California (SOCAL; ab 1984 Chevron Corporation), Standard Oil Company of New York (SOCONY; ab 1931 Socony-Vacuum Corporation, ab 1955 Socony-Mobil Oil Company, ab 1966 Mobil Oil Corporation, ab 1976 Mobil Corporation, seit 1999 ExxonMobil Corporation), Standard Oil Company of Indiana (SOCO; ab 1985 Amoco Corporation, seit 1999 BP), Standard Oil Company of Ohio (SOHIO; seit 1987 BP) und Continental Oil Company (ab 1979 Conoco Inc., seit 2002 ConocoPhillips Company).

Rockefeller, dem das Verdienst gebührt, eine gewisse Ordnung in das anfänglich chaotische Ölgeschäft gebracht zu haben, starb 1937 mit 98 Jahren als einer der reichsten Männer der Welt. Seinen ramponierten Ruf konnte er trotz großzügiger Schenkungen an soziale und wissenschaftliche Einrichtungen nicht sonderlich aufbessern. Er blieb Zeit seines Lebens einer der meistbewunderten und meistgehassten Persönlichkeiten Amerikas.

Rockefellers Sohn John Davison Jr. (1874 – 1960) stand nun gleich vor mehreren Problemen. Das Markenzeichen Standard durfte in vielen Bundesstaaten nicht mehr benutzt werden, und zwar überall dort, wo es konkurrierende Standard-Oil-Gesellschaften gab. Das Unternehmen verkaufte sein Benzin dort unter Namen wie Aladdin, Astral, Carter, Colonial, Enco, Enjay, Gaseteria Bonded, Humble, Oklahoma, Pate, Stanacola und Signal, die meist von übernommenen Ölgesellschaften stammten. Auch der 1926 aus dem Börsenkürzel S.O. entwickelte neue Markenname Esso konnte nur regional und im Ausland verwendet werden. Zudem besaß die Standard Oil Company of New Jersey nach der Zerschlagung kein eigenes Öl mehr. Bei der Erschließung neuer Ölfelder wendeten Rockefeller Junior und seine Direktoren ähnliche Methoden an wie früher sein Vater – nun aber bevorzugt im Ausland und mit wohlwollender Unterstützung der US-Regierung. Zu dieser Zeit ging es bereits nicht mehr nur um einzelne Unternehmen, sondern um das Abstecken von politischen Einfluss-Sphären in der zukünftigen Weltwirtschaft. Die Standard Oil Company of New Jersey stieg in den folgenden Jahren zur größten Ölgesellschaft der Welt auf, und die Mitglieder der Rockefeller-Familie betätigten sich nicht nur als Unternehmer und Bankiers, sondern auch als Politiker. David Rockefeller (1915 – 2017), der jüngste Sohn von John Davison Jr., war von 1955 bis 1980 Chef der Chase-Manhattan Bank, sein älterer Bruder Nelson Rockefeller (1908 – 1979) wurde 1959 Gouverneur des Bundesstaates New York und von 1974 bis 1977 war er unter Gerald Ford US-Vizepräsident.

Um in ganz Nordamerika ein einheitliches Markenzeichen zu haben, benannte sich die Standard Oil Company of New Jersey 1972 in Exxon Corporation um. Den Namen Exxon ließ sich der Industrie-Designer Raymond Loewy (1893 – 1986), der bereits zahlreiche Logos, Verpackungen und Designs entworfen oder modernisiert hatte (Studebaker-Logo, Lucky-Strike-Schachtel, Coca-Cola-Flasche, Air-Force-One-Design, Spar-Logo, LU-Logo, Campbell-Soup-Logo, neue Shell-Muschel, Innenraum-Ausstattung der Concorde), in Anlehnung an den alten Markennamen Esso einfallen. Die Bezeichnung Esso wird seitdem nur noch außerhalb der USA verwendet, wo Exxon die uneingeschränkten Markenrechte besitzt.

Im März 1989 lief der Öltanker Exxon Valdez auf ein Riff im Prince William Sound vor Süd-Alaska und verursachte dadurch eine der größten Umweltkatastrophen der Seefahrt. 40.000 Tonnen Rohöl liefen aus und verseuchten 2000 Kilometer Küste. 1990 verlegte Exxon seinen Firmensitz von New York nach Irving/Texas. 1999 schlossen sich Exxon und die Mobil Corporation, die ehemalige Standard Oil Company of New York (SOCONY), zur ExxonMobil Corporation zusammen.

Die Nachkommen Rockefellers sind noch immer Minderheitsaktionäre der ExxonMobil Corporation. Allerdings zieht sich die Rockefeller-Familie nach und nach aus dem Ölgeschäft zurück. 2014 beendete der Rockefeller Brothers Fund alle Investitionen in fossile Energieträger.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 08.07.2018 | 17:51