Markenlexikon

Dynamit-Nobel

Deutschland

Der schwedische Chemiker Alfred Bernhard Nobel (1833 – 1896), der 1864 die Firma Nitroglycerin AB gegründet hatte, entwickelte 1867 einen neuen Sicherheitssprengstoff aus Nitroglycerin (75 Prozent), Kieselgur – eine mehlige Masse aus den Panzern abgestorbener Algen – (24,5 Prozent) und Soda (0,5 Prozent). Der neue Sprengstoff, den er Dynamit nannte (von lat. dynamis = Kraft), besaß eine fünfmal höhere Sprengkraft als Schwarzpulver, war aber 25 Prozent schwächer als reines Nitroglyzerin und gegen Stoßeinwirkungen unempfindlich. Hintergrund der Erfindung waren schwere Explosionsunfälle bei der Herstellung, dem Transport und der Anwendung von Nitroglycerin. 1867 begann in der zwei Jahre zuvor auf dem Krümmel bei Geesthacht, dreißig Kilometer südöstlich von Hamburg, errichteten deutschen Nobel-Fabrik die Produktion von Dynamit.

1886 fasste Nobel seine Gesellschaften in zwei wesentlichen Konzernen zusammen, der Nobel Dynamite Trust Company (alle Werke in Großbritannien, Deutschland, Australien) und der Sociéte Centrale de Dynamite (Frankreich, Spanien, Schweiz, Portugal, Österreich-Ungarn, Mittel- und Südamerika). 1896 starb Alfred Nobel – seine Aktienanteile an den Nobel-Unternehmen wurden größtenteils zur Stiftung des Nobel-Preises verwendet.

Alfred Nobel verfügte in seinem Testament die Gründung einer Stiftung, deren Zinsen die erhalten sollten, die der Menschheit im vorangegangenen Jahr den größten Nutzen gebracht haben und zwar in den Kategorien Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und für Friedensbemühungen. Die Mathematik ließ er unbeachtet, da er diese »Hilfswissenschaft« nie sonderlich gemocht hatte. Die Nobel-Stiftung wurde am 29. Juni 1900 gegründet, ein Jahr später fand die erste Preisverleihung statt. Der Preis war anfangs mit 150.800 Schwedischen Kronen dotiert (heute zehn Millionen Kronen je Kategorie). Die Preise werden jährlich am 10. Dezember, dem Todestag Nobels, in Stockholm (der Friedensnobelpreis in Oslo) von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften (Physik, Chemie), dem Karolinska Institut (Physiologie oder Medizin), der Schwedischen Akademie (Literatur) und dem norwegischen Nobelkomitee (Friedensnobelpreis) verliehen. Dass der Friedensnobelpreis in Oslo vergeben wird, liegt daran, dass Schweden und Norwegen bis 1905 in einer Union miteinander verbunden waren, allerdings unter schwedischer Führung. Nobel nahm wohl an, dass das norwegische Parlament, das die Mitglieder des norwegischen Nobelkomitees wählt, in der Auswahl der Preisträger neutraler war als die Schweden. Seit 1968 gibt es noch den »Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel«, der ebenfalls von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften vergeben wird. Der Wirtschaftsnobelpreis ist jedoch umstritten, einerseits, weil er nicht auf den Gründer zurückgeht, anderseits, weil Nobel kein Freund der Geisteswissenschaften war. Die Wirtschaftswissenschaften hat er anscheinend ganz besonders gehasst, wie aus einem Brief hervorgeht, den die Urenkel seines Bruders Ludvig 2001 veröffentlichten (»Ich habe keine Wirtschaftsausbildung und hasse sie von Herzen«). Die Preise für Literatur und Frieden, ebenfalls keine exakten Wissenschaften, kamen auf Anregung seiner langjährigen Brieffreundin, Schriftstellerin und Friedensaktivistin Bertha von Suttner zustande.

Die verschiedenen Nobel-Unternehmen gingen später eigene Wege. Die schwedische Firma Nitroglycerin AB, die sich mehrmals umbenannte (1965 Nitro Nobel, 1978 Kema Nobel, 1984 Nobel Industrier) schloss sich 1994 mit dem niederländischen Chemiekonzern Akzo zusammen (Akzo-Nobel), aus den britischen Werken entstand 1926 Imperial Chemical Industries (ICI), die US-Tochter ging in den Besitz von Du Pont de Nemours über und in Deutschland wurde die Dynamit Actien-Gesellschaft (DAG) vorm. Alfred Nobel & Co. (seit 1876 unter diesem Namen) 1926 ein Teil des IG-Farben-Konzerns.

Die DAG wuchs bald zum führenden europäischen Sprengstoffproduzenten heran. Zu den Produkten gehörten Bergwerkssprengstoffe, Munition für militärische und zivile Zwecke, Sprengkapseln und Zündhütchen, außerdem verschiedene thermoplastische Kunststoffe, Verbundwerkstoffe und duroplastischen Pressmassen. Von 1937 bis 1945 lieferte die DAG zahlreiche Karosserieteile aus verschiedenen Press-Stoffen an die Auto-Union (Audi, DKW, Horch, Wanderer), die dort ausgiebig an Versuchsfahrzeugen vom Typ DKW F7 und F8 getestet wurden. In die Serienproduktion ging die Kunststoffkarosserie jedoch nie. Die Erkenntnisse aus diesen Versuchen kamen aber in den 1950er Jahren den Ingenieuren der ostdeutschen IFA, die die Auto-Union-Werke nach Kriegsende übernommen hatte, zugute, als sie die Karosserie für den DDR-Volkswagen Trabant entwickelten.

1931 kam es zum Zusammenschluss der DAG und der Rheinisch-Westfälischen Sprengstoff AG (RWS) Köln/Troisdorf sowie zur Eingliederung der neuen DAG in die I.G. Farbenindustrie AG, mit der bereits seit 1926 ein Interessengemeinschaftsvertrag bestand; ein Jahr später wurde die Hauptverwaltung der DAG von Köln (wo sie sich seit 1928 befand) nach Troisdorf verlegt. 1945 wurde das Vermögen des IG-Farben-Konzerns durch die Alliierten beschlagnahmt. Zwischen 1949 und 1952 entstanden mehrere Nachfolgefirmen (Bayer/Agfa, BASF, Casella, Hoechst, Hüls). Die Dynamit AG wurde 1949 in Troisdorf neugegründet; 1959 kam es zur Umbenennung in Dynamit-Nobel AG. Das Unternehmen fertigte zunächst Kunststoffe und organische Zwischensubstanzen, ab 1957 auch wieder Munition, Panzerabwehrminen, Antipersonenminen, Antimaterialminen und Flachwasserminen für die Bundeswehr. Anfang der 1960er Jahre war Dynamit-Nobel der führende deutsche Munitionshersteller für zivile und militärische Zwecke. 1958 erwarb der Großindustrielle Friedrich Flick (Auto-Union, Buderus, Daimler-Benz, Feldmühle, Maxhütte, Maybach) eine Mehrheitsbeiteiligung an der Dynamit-Nobel AG.

Nach dem Verkauf des Flick-Konzerns an die Deutsche Bank (1985), wurde Dynamit-Nobel 1986 eine Tochtergesellschaft der neugeschaffenen Feldmühle-Nobel AG, in der die verschiedenen Aktivitäten des Flick-Konzerns zusammengefasst waren. Das Chemiegeschäft erwarb 1988 die damalige Hüls AG aus Marl (heute Evonik Industries). 1990 übernahm der schwedische Papierkonzern Stora (heute Stora-Enso) den Feldmühle-Nobel-Konzern und veräußerte die Nichtpapieraktivitäten (Buderus, Dynamit-Nobel) 1992 an die Metallgesellschaft AG (ab 2000 mg technologies, seit 2005 GEA Group AG).

Mit dem Verkauf der Dynamit-Nobel Ammotec GmbH (kleinkalibrige Munition für Behörden, Jäger, Militär und Sportschützen an die RUAG Munition AG (Schweiz) begann 2002 die Zerschlagung der Dynamit-Nobel AG (Dynamit-Nobel Ammotec firmiert heute als RUAG Ammotec GmbH Fürth).

2004 wurden die Wehrtechnikaktivitäten (Gefechtsköpfe, Zündsysteme, Schulterwaffen zur Panzerabwehr, Dynameco Aerosol-Feuerlöscher) in die Dynamit Nobel Defence GmbH (Burbach) ausgegliedert.

Die MG-Chemical-Geschäftsbereiche Hochleistungskeramik (CeramTec AG, Plochingen), Spezialitätenchemie (Chemetall GmbH, Frankfurt am Main), Pigmentchemie (Sachtleben Chemie GmbH, Duisburg) und Kundensynthese (Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff- und Systemtechnik, Troisdorf; Zwischenprodukte und Wirkstoffe für die Life-Science-Industrien) gingen im Juli 2004 an das US-Spezialchemieunternehmen Rockwood Specialties Group aus Princeton/New Jersey (seit 2005 gehört Dynamit-Nobel ES zur französischen Rockwood-Tochter Novasep).

Den 1995 gegründeten Automobilzulieferer Dynamit-Nobel Kunststoff GmbH, Weißenburg/Bayern (Funktionsteile für Airbagsysteme, Heckklappen, Instrumententafeln, Montageträger, Stoßfängersysteme) übernahm 2005 der schwedische Automobilzulieferer Plastal Group AB.

2005 erwarb die Stadt Troisdorf die Grundstücke und Anlagen des ehemaligen Dynamit-Nobel-Werkes Troisdorf.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:50