Markenlexikon

Chiquita

USA

Kaum ein Unternehmen hat sich im Laufe seiner Geschichte einen so nachhaltig schlechten Ruf erworben, wie dieser berühmt-berüchtigte Bananenkonzern, der sich in Mittelamerika jahrzehntelang wie ein Staat im Staate aufführte. Die Manager der United Fruits Company hieften Präsidenten auf den Thron und stürzten sie wieder, ganz wie es ihnen beliebte und wie es der Konzernpolitik gerade in den Kram passte. Das wenig schmeichelhafte Wort »Bananen-Republik« geht auf die Praktiken der United Fruits Company zurück. Die diktatorischen Herrscher in Mittelamerika konnten sich unter dem Schutz der USA fast alles leisten, nur wenn einer versuchte der allmächtigen Bananengesellschaft, die von den Einheimischen »der grüne Papst« genannt wurde, auf die Finger zu klopfen, gab es fast immer Ärger auf höchster Ebene.

Zum Management und Aktionärskreis des Konzerns gehörten honorige Herren wie Allen Dulles (von 1953 bis 1961 Chef des US-Geheimdienstes CIA), sein Bruder John Foster Dulles (von 1953 bis 1959 US-Außenminister) sowie eine Reihe weiterer hochrangiger US-amerikanischer Politiker. Auch Nicaraguas berüchtigter Diktator Anastasio Somoza Garcia, dessen Familie sich von 1937 bis 1979 an der Macht hielt, arbeitete vor seiner Politikerkarriere bei der United Fruits Company. Mit der Macht der US-Regierung im Rücken war es für die Gesellschaft ein Leichtes, Staatsstreiche zu inszenieren und unliebsame Politiker durch loyale Marionetten zu ersetzen. 1954 war United Fruits beispielsweise neben dem US-Auslandsgeheimdienst CIA und dem Militär von Guatemala am Sturz des demokratisch gewählten guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz Guzmán beteiligt. Arbenz hatte ein Jahr zuvor brachliegendes Land der United Fruits Company gegen eine Entschädigungszahlung nationalisiert.

Chiquita Banane
Chiquita Banane

Angefangen hat die Geschichte der Bananen-Company im Jahre 1870, als Captain Lorenzo Dow Baker (1840 – 1908) mit seinem Segelschiff Telegraph die allererste Ladung Bananen von Port Antonio (Jamaika) nach Jersey City am Hudson River, direkt gegenüber von New York City, brachte. Zuvor waren Bananen in den USA vollkommen unbekannt gewesen. Auf der elftägigen Reise verdarben die Früchte jedoch, sodass Baker bei seiner nächsten Fahrt grüne Bananen kaufte, die dann bei der Ankunft gerade reif waren. 1885 gründete Captain Baker, dem nun schon eine kleine Flotte von Bananenschiffen gehörte, gemeinsam mit Andrew Woodbury Preston (1846 – 1924), einem Unternehmer aus Massachusetts, der bereits Anteile an Bakers Bananenflotte besaß, die Boston Fruits Company.

1899 schloss sich das Unternehmen mit der Eisenbahngesellschaft von Costa Rica zur United Fruits Company zusammen. Diese Eisenbahnlinie war zwischen 1871 und 1891 zum Transport von Kaffeebohnen gebaut worden. Ihr Erbauer und Besitzer Minor Cooper Keith (1848 – 1929), der später auch »Kaiser des karibischen Meeres« genannt wurde, verfügte zudem über riesige Ländereien entlang der Strecke, die sich bestens für Bananenplantagen eigneten, und über tausende Arbeitskräfte, die die Eisenbahnstrecke gebaut hatten. Von Costa Rica aus breitete sich die United Fruits Company über den ganzen südlichen Teil Mittelamerikas aus. 1903 ging das Unternehmen an die New Yorker Börse. Bereits in den 1930er und 1940er Jahren gehörten United Fruits viele Millionen Hektar Land, 2500 Kilometer Eisenbahnstrecke, rund 100 Überseeschiffe (die damals größte Privatflotte der Welt), mehrere komplette Hafenanlagen sowie Kühlhallen, Hotels, Verwaltungsgebäude, Wohnungen und Krankenhäuser. Der Konzern beherrschte zeitweise 85 Prozent des panamaischen Exports und war der größte Arbeitgeber in ganz Mittelamerika. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen waren allerdings so erbärmlich, dass sie sich nur noch mit denen des berüchtigten US-Kupferkonzerns Anaconda Copper Company in Montana vergleichen lassen.

Ab 1944 bewarb der Konzern seine Bananen mit der von dem Grafiker Dik Browne entworfenen Werbefigur »Miss Chiquita« (halb Banane, halb Mädchen) und kreierte damit die erste Markenbanane. Das Wort »chiquito« bzw. die weibliche Form »chiquita« bedeutet auf Spanisch »winzig« oder »besonders klein«, wird aber in lateinamerikanischen Ländern auch als familiäre Bezeichnung für »kleines Mädchen« verwendet. Das blau-gelbe Siegel klebt seit 1963 auf den Chiquita-Bananen. In Europa wurde der Markenname Chiquita erst ab 1966 benutzt.

Chiquita Plakat
Chiquita Plakat

1968 erwarb der aus Polen stammende Investmentbanker Eli M. Black rund 10 Prozent der United Fruit Company und schloss sie zwei Jahre später mit der Holdinggesellschaft AMK Corporation (American Seal Kap, John Morrell and Company), die ihm ebenfalls gehörte, zur United Brands Company zusammen. Nachdem die United States Securities and Exchange Commission (SEC) herausgefunden hatte, dass Black den honduranischen Präsidenten Oswaldo López Arellano mit 2,5 Millionen Dollar bestechen wollte, um Zollvorteile zu bekommen, stürzte sich der Firmenchef im Februar 1975 aus dem 44. Stock der Konzernzentrale im New Yorker Pan Am Building. 1984 erwarb der Finanzier Carl H. Lindner Jr. (1919 – 2011) aus Cincinnati/Ohio die Mehrheit der United Brands Company, der den Konzernsitz anschließend von New York nach Cincinnati verlegt.

1990 benannte sich United Brands in Chiquita Brands International Inc. um, wohl auch, um sich wenigstens nach außen hin des schlechten Images zu entledigen, das den Namen United Fruits und United Brands seit langem anhaftete. Die wenigsten Konsumenten wussten allerdings, dass United Fruits und Chiquita ein und dasselbe Unternehmen war. Von 2001 bis 2002 stand Chiquita Brands unter Gläubigerschutz. 2012 zog Chiquita aus Kostengründen erneut um, diesmal nach Charlotte/North Carolina.

Der überwiegende Teil der Chiquita-Bananen kommt aus Panama, Costa Rica, Kolumbien, Guatemala und Honduras, außerdem von den Philippinen, der Elfenbeinküste und aus Australien. Daneben vermarktet der Konzern unter verschiedenen Markennamen (Amigo, Chico, Chiquita, Chiquita Jr., Consul, Fresh Express, Frupac, Pacific Gold) auch abgepackte Salate, Ananas, Äpfel, Avocados, Birnen, frisch geschnittenes Obst, Grapefruits, Gurken, Melonen, Paprika, Pfirsiche, Tomaten und Weintrauben.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:50