Markenlexikon

Atari

USA

Obwohl Atari-Gründer Nolan Kay Bushnell (* 1943) heute oftmals als »Vater der Computerspiele« bezeichnet wird, ist er keineswegs deren Erfinder. Sein Verdienst lag eher darin, diese neue Unterhaltungsart zur Marktreife entwickelt zu haben. Bereits 1951 hatte der in Deutschland geborene TV-Ingenieur Ralph Baer, der damals bei der New Yorker Firma Loral Electronics arbeitete, die Idee, das Fernsehgerät zur Spielmaschine umzufunktionieren. Seine Chefs konnten mit dieser Vision aber nicht wirklich etwas anfangen, sodass die ganze Sache bald wieder in Vergessenheit geriet. In den 1950er und 1960er Jahren entstanden meist an staatlichen Forschungslaboratorien und Universitäten, die über Großrechenanlagen verfügten, die ersten einfachen Computerspiele (u.a. 1952 das Tic-Tac-Toe-Spiel »OXO«, 1958 »Tennis For Two«, 1962 »Spacewar!«), die den Ingenieuren nicht nur als Zeitvertreib, sondern auch zum Testen neuer Computer dienten. 1968 griff Ralph Baer seine alte Idee wieder auf und baute das erste Videospielgerät, das man an den Fernseher anschließen konnte. Der kalifornische Elektrokonzern Magnavox, der die Herstellungsrechte 1971 von Baer erwarb, zeigte diese Spielkonsole mit dem Namen »Odyssey Home Entertainment System« kurze Zeit später auf verschiedenen Ausstellungen; in den Handel kam sie jedoch erst 1972.

Im gleichen Jahr gründete der Elektrotechniker und frühere Ampex-Angestellte Bushnell, der zuvor ein Klon des Computerspiels »Spacewar!« für große Münzspielautomaten entwickelt hatte, mit Ted Dabney, der ebenfalls bei Ampex tätig gewesen war, in Sunnyvale/California eine eigene Firma. Der Name Atari (jap. »Ich werde gewinnen«) ist ein Begriff aus dem japanischen Brettspiel »Go« und hat in etwa die gleiche Bedeutung wie das Wort »Schach« beim Schachspiel. Auch das Logo hatte ein japanisches Vorbild: den höchsten Berg Japans, den Fujiyama. Alles in allem konnte man denken, dass es sich bei Atari um eine japanische Firma handelt, was durchaus auch beabsichtigt war, standen doch japanische Unternehmen damals in dem Ruf, hervorragende High-Tech-Produkte herzustellen.

Atari brachte nun einen Münzautomaten mit dem Ping-Pong-Spiel »Pong« auf den Markt, das der Atari-Angestellte Allan Alcorn ursprünglich nur zu Übungszwecken programmiert hatte. »Pong« war im Prinzip eine Variante von »Tennis For Two«, das der amerikanische Physiker William Higinbotham bereits 1958 am Brookhaven National Laboratory entwickelt hatte. Ein ähnliches Spiel gehörte auch zum Lieferumfang der Odyssey-Konsole, was bald zu gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Magnavox führte. Denn Magnavox konnte anhand eines Gästebuchs beweisen, dass Bushnell das patentgeschützte Odyssey-Spiel im Frühjahr 1972 während einer Austellung gesehen und sogar gespielt hatte. Die erste »Pong«-Maschine wurde zum Test in einer Bar in Sunnyvale aufgestellt. Doch schon ein paar Tage später rief der Besitzer bei Atari an und meldete den Ausfall des Gerätes. Als sich ein Atari-Mitarbeiter den Automaten anschaute, stellte er fest, dass lediglich der Vorratsbehälter für die Münzen übervoll war; das Zeitalter der Videospiele hatte begonnen. Der große Durchbruch kam 1975, als der Warenhauskonzern Sears Ataris »Home-Pong«-Konsole in seinen Katalog aufnahm und landesweit verkaufte. Weihnachten 1975 avancierte »Home-Pong« zum absoluten Renner. Allerdings musste Atari nun Lizenzgebühren an Magnavox zahlen.

1976 verkaufte Bushnell Atari an den Unterhaltungskonzern Warner Communications, dem auch das Filmstudio Warner Bros. gehörte. Atari brachte nun mit der finanziellen Rückendeckung des Mediengiganten aus Hollywood ein erfolgreiches Spiel nach dem anderen auf den Markt (u.a. »Breakout«, »Football«, »Lunar Lander«, »Asteroids«, »Battlezone«, »Space-Invaders«, »Pac-Man«, »Adventures«, »Missile Command«, »Cosmos«, »Tempest«, »E.T.«, »Earthworld«) und die ab 1977 produzierte Videospielkonsole Atari VCS (Video Computer System; ab 1982 Atari 2600), deren Produktion erst Ende 1991 eingestellt wurde, entwickelte sich zu einem der langlebigsten Heimvideospiel-Systeme. 1979 begann Atari auch Home-Computer herzustellen.

1984 erwarb Commodore-Gründer Jack Tramiel 51 Prozent von Atari (Warner behielt 25 Prozent, der Rest befand sich im Streubesitz – die Produktion der Automaten-Spiele blieb bei Warner und wurde zunächst in Atari Games und 1994 in Time-Warner Interactive umfirmiert). Das Unternehmen spezialisierte sich nun auf Home-Computer, die sich nicht nur bei Spielfreaks, sondern wegen ihrer MIDI-Fähigkeit (digitale Schnittstelle für Musikinstrumente) auch bei Musikern und Tonstudios großer Beliebtheit erfreuten. Besonders die 16-Bit-Computer der ST (SixTeen)-Serie, die 1985 als Konkurrenzprodukt zum Apple Macintosh und Commodore Amiga ins Rennen gingen, fanden aufgrund ihres niedrigen Preises und der guten Ausstattung (Motorola-MC 68000-Prozessor; 8 MHz; 512 KB RAM; 192 KB ROM; Monochrom- oder Farbmonitor mit 640 x 400 Punkten; 3,5-Disketten-Laufwerk mit 720 Kilobyte; CD-ROM-Laufwerk; grafische Benutzeroberfläche; Maus; Laserdrucker; MIDI-Schnittstelle) vor allem in Europa weite Verbreitung (Slogan: »Power without the price«). Die allmählich aufkommenden Personal-Computer machen jedoch das Geschäft mit den Home-Computern immer schwieriger. Obwohl Atari ab 1988 auch IBM-kompatible Personal-Computer auf den Markt brachte, konnte sich das Unternehmen in diesem Segment nicht durchsetzen. 1994 verabschiedete sich Atari schließlich aus dem Computergeschäft.

Doch auch die Atari-Konsolen hatten gegen die starke Konkurrenz von Nintendo, Sony und Sega kaum noch eine Chance, was keineswegs an der Leistungsfähigkeit der Geräte lag, sondern vielmehr daran, dass Jack Tramiel meinte, für gute Produkte brauche man keine Werbung zu machen. Diese Fehleinschätzung war auch schon Commodore zum Verhängnis geworden. 1996 schloss sich Atari mit dem Festplattenhersteller JTS (Jugi Tandon Systems) zusammen, der die Namensrechte, Patente und Copyrights 1998 – kurz vor der eigenen Pleite – an den Spielzeugkonzern Hasbro (MB, Monopoly, Play Doh, Playskool, Tonka) veräußerte. 2000 erwarb die französische Firma Infogrames Entertainment aus Lyon das Softwaregeschäft von Hasbro und damit auch die Marke Atari. 2003 benannte Infogrames seine US-Tochter offiziell in Atari Inc. um, und auch alle weltweiten Tochtergesellschaften firmieren jetzt unter diesem Namen. Atari entwickelt und vermarktet nun wieder Spiele für Computer und Videospielkonsolen. Anfang 2013 meldete Atari Inc. Insolvenz an.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:49